Die slowakische Audio-Manufaktur CANOR ist streng genommen kein Branchenneuling: CANOR entwickelt und baut seit gut 15 Jahren Audiokomponenten. Bis zum Jahre 2007 firmierte man noch unter dem Namen Edgar Ltd. Der TP106 VR+ ist der große Bruder des CANOR TP106 Vollverstärkers. Beide Vollverstärker sind als Push-Pull-Konzept ausgeführt. Während der TP106 mit 6L6GC Leistungsröhren 11 Watt pro Kanal zu liefern vermag, ist der TP106 VR+ mit einem Quartett Electro Harmonix 6550-Röhren ausgestattet. Bis zu einer Leistung von 20 Watt pro Kanal arbeitet dieser im reinen Class-A-Betrieb. 2 x 55 Watt Gesamtleistung an 4 Ohm sollten mehr als nur genügen, um Lautsprecher mit hohem Wirkungsgrad problemlos antreiben zu können. Ferner unterscheidet sich der TP106 VR+ von seinem kleinen Bruder durch hochwertigere Bauteile, wie beispielsweise die Verwendung von Mundorf-Koppelkondensatoren.
Die auf Basis der 6L6-Konstruktion weiterentwickelte Beam-Power-Tetrode 6550 wird in Röhrenkreisen besonders wegen ihres geringen Verzerrungsgrads geschätzt. Diese Eigenschaft macht sich auch CANOR zunutze und greift daher in der Ausgangsstufe des TP106 VR+ auf eine Schaltung im Ultralinear-Modus zurück. Auch wenn sich nach wie vor hartnäckig das Gerücht hält, dass es sich bei der 6550 und der KT88 um quasi ein und dieselbe Röhre handelt und diese untereinander austauschbar sind, sollte man sich bewusst machen, dass lediglich deren Sockel und Sockelbeschaltung identisch sind. Die 6550 läuft beinahe mit der Hälfte der KT88-Schirmgitterspannung (circa 300 Volt) und entsprechend deutlich geringerer Gittervorspannung. Wer sich also schon im unbegrenzten Tube-Roller-Nirvana wähnt, wird sich hier seine Passion abschminken müssen. Auch vom naiven Tausch gegen andere 6550-Fabrikate wird abgeraten, da ein solcher nicht nur den hinlänglich bekannten Garantieverlust nach sich zieht – man läuft Gefahr, den Erfahrungsschatz, den CANOR bei der Röhrenselektion gesammelt hat, unüberlegt zunichte zu machen.
Ich finde es beispielsweise durchaus ungewöhnlich, dass man beim Einsatz von insgesamt 4 ECC81- beziehungsweise 12AT7-Röhren – ein Paar dient als Treiber, ein Paar als Eingangsröhren – auf zwei unterschiedliche Röhrenfabrikanten zurückgreift. Der Grund dafür liegt nicht etwa darin, so teilte man mir bei einem Telefonat mit den Entwicklern mit, dass man sich dessen bediene, was man gerade vorrätig hat: Man beschäftige sich vielmehr seit über 12 Monaten intensiv mit den Themen Röhrenauswahl, -selektion und -werten. Aufgrund der überteuerten und der keinen sicheren Nachschub bürgenden Marktlage für NOS-Röhren fiel die Grundsatzentscheidung zugunsten der Verwendung von Röhren aus aktueller Produktion. So erhielt man die gewünschten Resultate mit 12AT7-Doppeltrioden von JJ Electronic für die Treiberstufe, entschied sich aber letztendlich für zusätzlich geschirmte 12AT7WC-Röhren von Electro Harmonix für die Eingangsstufe. Scheint zu passen – während der gesamten Testphase konnte ich kein Röhrenknacken oder eine Zunahme des ohnehin kaum wahrnehmbaren Röhrenrauschens ausmachen. CANOR geht beim Thema Röhren noch einen kleinen kundenfreundlichen Schritt weiter: Alle Röhren werden vor der Auslieferung eingebrannt – sehr löblich! Das Gros der sogenannten Burn-in-Phase entfällt somit und die klanglichen Eigenschaften des Verstärkers können ohne allzu langwierige Wartezeit eingeschätzt und beurteilt werden.
Bandscheibengepeinigte Audiophile sollten beim Tragen des CANOR Amps penibelst auf die klassische Rückenschule achten – der DuPont-mattschwarz lackierte Aluminiumkoloss bringt stattliche 26 Kilogramm auf die Waage. Für Luftzirkulation ist gesorgt: Mit 170 Millimetern baut der TP106 VR+ ein wenig höher als einige seiner Artgenossen. Nichtsdestotrotz sollte man bei einer Platzierung im Rack dafür Sorge tragen, dass er aufgrund seiner nicht gerade geringfügigen Wärmeentwicklung im Betrieb ausreichend Luft zum Atmen bekommt. Mit fünf asymmetrischen Line-Eingängen, einem Tape-Out und einem Lautsprecherausgang ist der CANOR Vollverstärker in Sachen Ausstattung eher puristisch gehalten.