Bei einer unverbindlichen Preisempfehlung von 4000 Euro symmetrische Eingänge oder gar einen Phonoeingang zu erwarten, wäre vielleicht auch ein wenig zu viel des Guten. Auch das äußere und für mein ästhetisches Empfinden durchaus ansprechende und moderne Erscheinungsbild des TP106 VR+ übt sich mit dezent orangefarben beleuchtetem Logo und LEDs in vornehmer Zurückhaltung. An der Verarbeitungsqualität gibt es nichts zu meckern: Sowohl das Gehäuse als auch der gesamte Innenaufbau zeugen von durchdachter Entwicklung und sorgfältigem Handwerk. Da, wie bereits erwähnt, der TP106 VR+ nur über ein Paar Lautsprecherausgänge verfügt, sollten potenzielle Interessenten mit aktiven Subwoofer-Verstärkern sich vergewissern, dass ihre Subwoofermodule über separate Lautsprechereingänge verfügen. Da ich ein weichenloses Lautsprecherkonzept mit getrennter Bassverstärkung betreibe, kommt eine direkte Ansteuerung meiner Bässe mit dem CANOR nicht in Frage. Dies bestätigte ein kurzer Versuch, der sich sofort in einer wenig kontrollierten und konturschwachen Bassperformance äußerte: Die Ausgangsleistung des TP106 VR+ reicht einfach nicht aus, um meine Bastanis 18“-Dipolbässe vernünftig anzutreiben – über die Lautsprechereingänge meiner XTZ Sub Amp 1 Verstärker angeschlossen … kein Problem!
Um Spannungsspitzen beim Einschalten zu vermeiden und den Stromverbrauch zu minimieren, verfügt der CANOR TP106 VR+ über eine Soft-Start- und Standby-Funktion. Nach dem Einschalten des Verstärkers auf der Gehäuserückseite schaltet dieser automatisch in den Standby-Modus. Der gesamte Vorgang, von der Aktivierung des Ringkerntrafos bis zum Erreichen der Röhrenbetriebstemperaturen nimmt circa 90 Sekunden in Anspruch und wird über rote und orangefarbene und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten blinkende LEDs auch über dem CANOR-Logo und dem Lautstärkeregler, signalisiert – sinnvoll und sexy zugleich. Die Gleichrichtung übernehmen übrigens zwei Electro Harmonix 5AR4/GZ34.
Es sind die geliebten schwarzen Scheiben, die mich den nicht allzu langen Weg vom Sofa zum Plattenspieler und zurück noch in Kauf nehmen lassen. Die Sarkasten unter meinen Freunden behaupten, diese Betätigung sei inzwischen die einzig wirklich physische Ertüchtigung, die an meine ehemalige Profession als Leistungssportler erinnere. Sollte ich die Beschäftigung mit dem Medium Schallplatte eines Tages aufgeben, fürchte man gar eine Verschmelzung von Fernbedienung, Hörplatz und meiner Person zu einer symbiotischen Einheit, die sich endgültig dem Gesetz der Trägheit ergeben hat. Man kann mir sagen was man will, aber Fernbedienungen sind schon eine coole Sache – wenn sie nicht zu einem Großteil so zickig wären. Zickig ist leider auch die Fernbedienung des TP106 VR+, denn wieder einmal geben sich die üblichen Verdächtigen ein Stelldichein: keine 100 % präzisen Druckpunkte, verbesserungswürdiges Toleranzverhalten in puncto Zielgenauigkeit und knarzendes Plastik – wenn auch nur geringfügig, durch die Unterseite der Fernbedienung bedingt.
Habe ich sonst noch was am CANOR zu meckern? Die Antwortet lautet nein! Eigentlich könnte ich an dieser Stelle meinen Beitrag, ohne den leisesten Anflug eines schlechten Gewissens, beenden. Dem CANOR TP106 VR+ fehlt es, abgesehen vom bereits erwähnten, aber beinahe schon üblichen Fernbedienungsmanko an Nichts – wenn man denn klare Vorstellungen davon hat wie man hören möchte. Aber mal ehrlich: Wer unter uns Betschwestern hat denn schon die Suche nach dem Besseren endgültig ad acta gelegt? Wie oft habe ich gelesen und selbst geschrieben „mehr HiFi braucht kein Mensch“? So oft, dass ich selbst nicht mehr daran glauben mag. Und doch bin ich der Ansicht, dass auf den CANOR eben genau diese abgedroschene Rezensenten-Floskel passt wie die noch öfter zitierte Faust aufs Auge.
Wie unser Chefredakteur bereits in der Vorschau angedeutet hatte: Die Bühne, die sich vor mir bei den ersten Takten von „Hyperballad“ auf Marcin Wasilewskis ECM-Triodebüt auftat, ist so einnehmend, die Präsentation so involvierend, dass das geplante Hören nach routinemäßiger Checkliste sofort einem genießerischen sich Einlassen wich. Beschreibende oder beurteilende Kriterien wie Auflösung, Dynamik, Plastizität, Musikalität et cetera verloren über eine komplette Albumlänge an Bedeutung und Gewicht. Erst mit dem Ausklingen des letzten Tons des Albums schaltete sich das analytische Ohr wieder ein. Nur selten war mir bislang ein Hören ohne sofortiges Sezieren des dargebotenen Klangbildes in dessen vermeintliche Stärken und Schwächen möglich. Hier stellte sich mir nicht die Frage von Pro und Contra, denn die Präsentation des CANOR TP106 VR + ist in sich schlüssig und stimmig. Der CANOR punktet genau dort, wo meine eigenen Amps dazu tendieren, ein klein wenig über das Ziel hinauszuschießen: Zwar kann ich über meine Tubeguru Telefunken EL156 Monos auch noch das Ameisengetrappel in der fernsten Lichtung des Waldes vernehmen, doch kann dies zuweilen zu einer Art Überforderung der Gehörgänge führen. Auch Wasilewskis Fingerübungen auf Trio sind nicht frei von Dynamikausbrüchen, die den Hoch-/Mitteltonbereich an hochauflösenden Ketten, besonders bei hoher Lautstärke, durchaus strapazieren können. Ein Zerren am Nervenkostüm ist die Sache des CANOR nicht: Das liegt keinesfalls an mangelndem Auflösungsvermögen oder fehlender Dynamik, sondern an der etwas „dunkleren Temperierung“ des Amps. Eine weitere ECM-Veröffentlichung, die ich gerne verwende, um Extreme auszuloten, ist Manu Katchés Third Round. Hier empfinde ich vor allem Tore Brunborgs Sopransaxofon als zu hell, zu direkt und dadurch zu präsent. Nicht, dass der CANOR die Helligkeit wegradiert, aber er ist dazu imstande, der Präsenz des Soprans eine Spur seiner Aufdringlichkeit beziehungsweise Schärfe zu nehmen – gerade so viel wie nötig, um tonal richtig zu liegen und ein angenehmes Hörerlebnis zu zaubern – diese außerordentliche Fähigkeit bewies er bei allen grenzwertigen Aufnahmen, mit denen ich ihn fütterte. Björks „Joga“ aus dem Album Homogenic empfinde ich nach wie vor als eine der aufnahmetechnisch komplexesten Gratwanderungen zeitgenössischer U-Musik.