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Skoff erblindet!

14.07.2014 // Roger Skoff

Diese beiden Effekte, die unter bestimmten Umständen auch phasenverschobene Artefakte produzieren können, erkennt man am Oszilloskop gewöhnlich als Auslöschung von Kleinstsignalen oder unmittelbar anliegenden Veränderungen an der Nulllinie einer Messkurve und erhält damit nichts Sichtbares außer einer geringfügigen Verminderung der Schwingungsamplitude. Sogar wenn die Forscher – was sie so gut wie nie tun – ihre Aufmerksamkeit auf die Nulllinie richten, anstatt auf die Messkurve, gäbe es nichts zu sehen oder zu dokumentieren.

Was Doppelblindversuche anbelangt, können diese tatsächlich aussagekräftige Tests von verschiedensten Dingen liefern, unglücklicherweise AUßER im High End Bereich.

Das Problem besteht nicht im Test an sich, bei dem in seiner einfachsten Form der Tester, der nicht weiß, was was ist, eine Testperson fragt, die dies ebenfalls nicht weiß, aber anhand ihrer Sinne oder ihres Gefühls herausfinden soll, welches der gefragte Gegenstand nun sei. Eine Grundregel jedes vergleichenden Tests ist, dass so viele wie möglich verkomplizierende Faktoren eliminiert werden und dass die einzigen Unterschiede zwischen den Dingen in den Dingen selbst liegen.

Das Testen von Pharmazieprodukten auf diesem Weg ist eine optimale Anwendung dieses Testverfahrens. Aus einer Gruppe von Testpersonen, die alle vergleichbare Eigenschaften und medizinische Voraussetzungen haben, werden zufällig zwei Testgruppen ausgewählt. Anschließend gibt der Tester, der ebenfalls nicht weiß, was er der Testperson verabreicht, um nicht unwissentlich irgendwelche Informationen preiszugeben, der einen Gruppe das Medikament und der anderen ein identisch aussehendes Placebo. Schließlich werden die beiden Gruppen überwacht, um zu sehen, ob es im Laufe der Zeit statistisch signifikante Unterschiede gibt – beispielsweise ob mit dem Testmedikament eine größere Heilungsrate erreicht werden konnte als mit dem Placebo.

Hier ist alles sehr einfach: ein Unterschied (Medikation oder Placebo) erlaubt die Festlegung zweier eindeutiger Ergebnisse (statistisch signifikante Heilungsrate oder nicht). Einfach. Es ähnelt dem berühmten „Pepsi Test“, außer dass hier einer Gruppe von Testpersonen zwei nicht gekennzeichnete Produkte gegeben werden und sie anschließend gefragt werden, welches sie bevorzugen. In jedem Fall ist hier nur ein leicht identifizierbarer Unterschied herauszufinden.

Im Audiobereich jedoch ist es praktisch unmöglich, nur einen einzelnen isolierten Faktor zu testen: Nehmen wir beispielsweise einmal an, wir wollen wissen, ob unterschiedliche CD-Spieler auch unterschiedlich klingen. Wie würden wir das angehen? Man kann natürlich den CD-Spieler nicht direkt anhören, deshalb kann man das Testobjekt nur mit Hilfe von irgendetwas anderem anhören. Wie beispielsweise einem Vollverstärker. Nun gut, damit wir sicher sein können, dass wir nur den CD-Spieler anhören, sollten wir immer denselben Verstärker für alle CD-Spieler benutzen. Nachdem wir aber auch einen Verstärker nicht anhören können, benötigen wir etwas, mit dem wir tatsächlich hören können: Lautsprecher? Kopfhörer? Werden die von uns ausgesuchten Geräte genügend Auflösung haben, um zu zeigen, welcher Art Differenzen auch immer da sein mögen? In welcher Art Raum? Mit welcher Akustik? Für wie viele Leute? Und wenn es mehr als eine Person ist, wie viele sitzen im „sweet spot“? Was ist mit den anderen? Was werden die hören? Werden deren Aussagen eine signifikante Bedeutung haben?

Wenn wir irgendwie all diese Probleme lösen und einen Weg finden, wie jeder unserer Probanden unter den gleichen Bedingungen dasselbe hört, wird jeder von ihnen das gleiche Hörvermögen haben? Oder die gleiche Stimmung und den gleichen Gesundheitszustand mit genau dem gleichen Level an Interesse und der gleichen Aufnahmefähigkeit?

Da wir gerade von Interesse sprechen: Sogar wenn die gleiche Musik spielt, werden unterschiedliche Leute auf unterschiedliche Dinge achten. Einige hören auf den Bass, andere auf den Hochtonbereich; andere werden, wenn es sich um ein Lied handelt, auf den Text achten, andere auf den instrumentalen Hintergrund. Wieder andere werden nur auf den Sound achten. Wie gut ist es aufgenommen, wie die Dynamik, der Anschlag und das Verhallen der Töne? Wie gut sind Fokussierung und Raumtiefe? Kurz gesagt, sogar wenn eine Gruppe von Leuten sich dasselbe Stück anhört, ist es wahrscheinlich, dass keine zwei von ihnen dasselbe hören. Was letztlich für Audio bedeutet ist, dass Doppelblindverfahren hier keinen Wert haben: Es wird immer nicht nur Unterschiede bei den Produkten geben, sondern auch zwischen den Testpersonen. Der Idealfall von nur einer Variablen kann nie erreicht werden.

Das ist letztlich das, was ich bis vor kurzem gedacht habe, als mir eine Verkaufstaktik einfiel, die XLO ihren Händlern vor Jahren empfohlen hatte: Wenn der Verkauf stattgefunden hatte und der Kunde gesagt hatte „ok, ich kaufe das Gerät“, dann nicht gleich das Gerät einpacken und das Geld kassieren, sondern fragen: „Vielen Dank, aber wollen Sie nicht noch eine Kleinigkeit ausprobieren?“ Der Kunde wird immer einverstanden sein und wenn dem so ist, sagt man ihm nicht, was man macht: Wechseln Sie hinter dem Verstärker die Kabel von einer Marke zu einer anderen (beispielsweise von XLO zur Marke“X“, oder umgekehrt). Dann spielen Sie das letzte Stück noch einmal und fragen ihn, ob er irgendwelche Unterschiede hört. Wenn er „nein“ sagt, dann bedanken Sie sich und verkaufen ihm den Verstärker, offensichtlich hat er Holzohren und jegliche weiteren Verkaufsbemühungen wären sinnlos. Wenn er „ja“ sagt, dann erzählen sie ihm, was sie gemacht haben und fragen ihn, was ihm besser gefallen hatte. So verkaufen sie ihm zu dem Verstärker zusätzlich noch einen neuen Satz Kabel.

Ist das nicht ein perfektes Beispiel von Blind-Testen? Gleiches System, gleicher Raum, gleicher Kunde, gleiche Musik; eine einzige und unbekannte Variable: das Kabel.

Dieser Test erfüllt alle Voraussetzungen. Da wundere ich mich, warum ich daran nicht früher gedacht habe. Irgendwie habe ich es offensichtlich doch getan!


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